Interview Textilwirtschaft mit GF Nicolas Neuhaus George Gina & Lucy
Eigentlich kann Geschäftsführer Nicolas Neuhaus sich den Hype um die Taschen auch nicht erklären. Eigentlich treten die Macher von George Gina&Lucy nicht in die Öffentlichkeit. Eigentlich.
Sportlich, bunt, aus Nylon - eigentlich sind sie nicht atemberaubend, aber die Taschen von George Gina&Lucy (GGL) erleben seit Jahren einen Hype. Der große Karabinerhaken, das prägnante Logo - überall zu sehen. Schnell kursierten die wildesten Geschichten über die Herkunft des Labels. Man munkelte, reiche Investoren von der US-Westküste hätten die Finger im Spiel. Dann soll es Dieter Bohlen gewesen sein. Oder eben drei Freunde namens George, Gina und Lucy. Die Wahrheit weiß man nicht so wirklich, die Macher finden es gerade spannend, das Rätsel nicht aufzulösen..
TW: Anfangs baumelte an jedem zweiten Frauenarm in Frankfurt eine George Gina&Lucy Tasche. Heute europaweit. Warum dieser Hype?
Nicolas Neuhaus: Ganz ehrlich: Das bleibt auch für uns unerklärbar. Vielleicht ist dies aber auch ein Resultat, dass wir uns mit größtem Spaß auch der Details wie Taschen- oder Farbnamen annehmen, eine Eigenständigkeit in der Aussage haben und dass man aufgrund der Vielfalt GGL perfekt auf das Outfit abstimmen kann.
Diese Attribute bieten aber auch andere. Warum hat gerade GGL diesen Erfolg?
Sicherlich haben wir zu Beginn ein paar glückliche Entscheidungen getroffen, die die Chancen hierfür vergrößert haben. Da wir jedoch selbst bis heute nicht genau den Grund für den Erfolg extrahieren können, scheint es wohl eine Mischung aus mehreren Faktoren: Logo, Name, Schloss, modische Anmutung, Farben, die sich letztlich alle gegenseitig noch verstärken. Am Ende wird es dann auch noch die Funktionalität und ein als fair empfundenes Preis-Leistungsverhältnis sein, das GGL nachhaltig zu einem Erfolg werden ließ.
Und die überteuerten Preise bei Ebay?
Zu erklären ist das eigentlich nur mit der Nachfrage und der mangelnden Verfügbarkeit des spezifischen Modells. Da wir die Farben jede Saison wechseln und auch die Taschen weitgehend neu gestalten, ist für den Kunden die Gefahr groß, dass die Lieblingstasche dann nicht mehr erhältlich sein könnte. Deshalb werden sogar Taschen der vergangenen Saison bei Ebay mit rar oder nicht mehr erhältlich gekennzeichnet und deutlich über dem ehemaligen Neupreis verkauft. Uns wurden aber auch von Versteigerungen von über 300 Euro berichtet, und dies für eine Tasche, die ursprünglich 89 Euro im Laden gekostet hat.
Nun gut, das sind die Endverbraucher. Aber wie steht es um die Händler? Für modische Händler mag etwas nicht mehr besonders sein, wenn es derart präsent ist...
Es gibt ein grundsätzliches Phänomen in Deutschland: Händler schreiben ein Produkt nicht mehr, obwohl sie es noch erfolgreich verkaufen. Diese Zwanghaftigkeit, etwas Neues zu ordern, wird dann seitens des Händlers als modische Orientierung empfunden. Dabei ist die Alternative häufig nicht vorhanden. Aufgrund der Vielfalt der Taschenmodelle bei GGL, ist die Wahrscheinlichkeit, dass man genau seine Tasche im Straßenbild entdeckt, relativ gering. Zudem bieten wir mit den neuen Kollektionen, insbesondere mit den teureren Leder- und Leder/Nylon-Kollektionen sowie den modischeren Linien Alternativen für die modischen und ganz hochwertigen Händler.
Dennoch schränken sie die Distribution ein..
Nachdem wir innerhalb von einem Jahr ca. 500 Kunden hatten, entwickelte sich bei vielen Händlern die Befürchtung, dass wir mit unvermittelter Geschwindigkeit weiter wachsen und uns in die Breite entwickeln. Doch obwohl wir täglich noch mindestens fünf Neuanfragen haben, haben wir die Händlerzahl insgesamt nicht erhöht. Wir müssen Sorge tragen, dass wir einer Marktüberhitzung vorbeugen. So haben wir bereits seit letzter Saison das Wachstum der Ordermenge beschränkt und werden diese für die kommende Saison weitgehend einfrieren.
Wie viele Taschen werden sie im laufenden Jahr verkaufen?
In Deutschland und Österreich verkaufen wir 2007 etwa 500000 Taschen.
Bleibt es bei der einen Produktgruppe?
Wir glauben, dass die Fokussierung auf eine Kernproduktgruppe viel stärker der Markenbildung und damit dem langfristigen Erfolg dient, als wenn wir sehr viele unterschiedliche Produkte anbieten würden. Aber natürlich werden wir den Radius bald ein wenig auflockern.
Das heißt?
Wir werden in wenigen Monaten die bereits auf der Messe gezeigte Luggage/Functionals-Kollektion anbieten. Die Nachfrage nach Trolleys, Reisegepäck, kleinen Bag-In-the-Bags scheint riesig zu sein. Und das ein oder andere Projekt muss ja auch noch geheim bleiben.
Aber sie sehen durchaus Potenzial, die Marke auf andere Produktgruppen auszuweiten?
Wir machen erstmal keine Kleidung, weil diese neue Produktgruppe zu stark die Taschen modisch positionieren würde. Wir arbeiten aber an Accessoires. Und an Sonnenbrillen, da wir glauben, dass sie nach Schuhen und Taschen eine der nächsten Produktgruppen sein wird, die über den Modefachhandel ergänzend zum Brillenfachhandel vermarktet werden wird. Wenn unsere Marke stark genug ist, werden wir dieses Produkt erfolgreich einführen können.
Wie sieht die Kollektion für Sommer 2008 aus?
Für 2008 wird es natürlich weiterhin unsere Nylonkollektion geben. Daneben werden wir die erfolgreichen Lacktaschen in Bonbon- und Pastellfarben anbieten. Wir präsentieren zudem eine sportivere Nylonkollektion mit Anlehnung an Neonoptiken. Außerdem wird es eine Kollektion geben, die wir intern als Autoscooter bezeichnen mit Glitter, Lack und Satin. Einige werden sicherlich nur die ganz modischen Kunden ansprechen. Unser Fokus gilt zukünftig insbesondere hochwertigen Kollektionen, die sich sowohl von der Verarbeitung als auch den verwendeten Materialien mit den besten und exklusivsten Taschen messen lassen müssen. Hier werden wir konsequent auf eigenständige Optiken setzen. Allerdings werden diese Taschen dann sicherlich auch in Preisregionen vorstoßen, die man sich heute noch nicht für GGL Taschen vorstellen kann.
Über 200 Euro? 300 Euro?
Über 400 Euro.
Wie nah und wie weit dürfen die neuen Modelle von der Ur-GGL-Tasche entfernt sein?
Uns ist klar, dass nun bei diesem Erfolg und der Verbreitung einige GGL-Träger der ersten Stunde nicht mehr diese Exklusivität für sich spüren. Noch ist es so, dass neue GGL-Taschen relativ leicht als solche zu identifizieren sein müssen. Zwar ist GGL als Marke in den vergangenen drei Jahren sehr bekannt geworden, muss sich aber im Laufe der nächsten zwölf Monate noch festigen. Wir werden zwar weiterhin auf den Karabiner in der Nylonkollektion setzen, werden aber schon bald neben den neuen Materialien auch vielerlei neue Konzepte einsetzen, um in den modischen Kollektionen dann auf den Karabiner zu verzichten. Deshalb werden schon in spätestens zwölf Monaten die neuen Kollektionen nichts mehr mit der Ur-GGL Tasche zu tun haben. Insbesondere mit den neusten Entwicklungen werden wir ausschließlich die modischen Kunden erreichen. Den anderen wird der Mut fehlen.
Zum Schluss, verraten Sie mir doch, für wen oder was der Name George Gina&Lucy steht?
Nein.
Das Gespräch führte Jelena Juric
Wer oder was ist GGL?
· 2004 startet George Gina&Lucy. Wofür der Name steht, verraten die Macher nicht.
· Hinter dem Label stehen Nicolas Neuhaus, Inhaber einer Firma, die Ballettbekleidung herstellt, Nicole Bailly, die Tochter von Michael Bailly von Bailly Diehl, und Oliver Bruhn, Flugbegleiter.
· Das Unternehmen sitzt in Langenselbold und beschäftigt 20 Mitarbeiter.
· 2007 verkauft GGL rund 500000 Stück. Die VK-Preise liegen im Schwerpunkt bei 89 Euro. Die teuerste Tasche kostet 459 Euro.
· Das Label bedient 2000 Stores europaweit, in Deutschland und Österreich sind es rund 500 Kunden.
Juric, Jelena